Zugegeben, Kreidler-Zweiräder sind keine Autos, dennoch haben sie die bundesdeutsche Mobilitätsgeschichte geprägt. Die Marke war Anfang der 1960er Jahre der unbestrittene Marktführer im Bereich der zulassungspflichtigen Motorräder – Grund genug, die Geschichte der Kultmarke und des Erfinders zu beleuchten.

Ein Unternehmen wagt das Neue

Mit Mopeds und Zweirädern hatte die Firma Kreidler erstmal gar nichts zu tun. 1889 als "Stuttgarter Telegraphen-und Kabelfabrik A. Kreidler" von Anton Kreidler gegründet, stellte das Unternehmen erst Kupferfeindraht her und stanzte, presste und drehte als Metallwerk Einzelteile aus Messing, Aluminium sowie anderen Metallen für die Elektrobranche und Uhrenindustrie. 1942 übernahm der Sohn des Firmengründers, Alfred Kreidler, das Unternehmen. Der Ingenieur mit Abschluss der Technischen Hochschule Stuttgart und begeisterter Motorradfahrer erkannte die Marktlücke jener Zeit. 1949 begann Kreidler mit der Entwicklung von Krafträdern. Das erste Modell aus dem Jahr 1951 stammte sogar aus der Feder des Firmenchefs: Die K 50, ein ungedrosseltes Motorfahrrad mit einem 50-cm³-Motor und einer Leistung von 2,2 PS.

Kreidler geht um die Welt

Weltweite Bekanntheit erreichte Kreidler, als der Abenteurer und Journalist Günter Markert 1954/55 mit einem R50-Roller einmal um die Welt fuhr und dieser ihn weder in der arabischen Wüste noch auf dem Fujiyama in Japan im Stich ließ. Mit dem Modell „Florett“ kam 1957 das bekannteste Modell auf den Markt. Für Jugendliche wurde Kreidler schnell zum Kult: Wer in den 1960er und 70er Jahren eine Kreidler fuhr, war „in“, frei und mobil, denn für das Zweirad reichte ein Führerschein der Klasse IV, den auch 16-Jährige erwerben konnten. Zudem sahen die Modelle fast wie echte Motorräder aus, trotz des zierlichen 50-Kubikzentimeter-Motors.  Unter vielen Gebläsekühlungen verbargen sich allerdings kunstvoll getunte Maschinen, die über 90 Stundenkilometer auf die Straße brachten!

Auf Rekordkurs

Einerseits frisierten die Besitzer ihre Kreidler-Fahrzeuge, andererseits sorgte die Firma selbst dafür, dass der Name Kreidler untrennbar mit Schnelligkeit und Sportlichkeit verbunden war: Mit etwa 220 Stundenkilometern raste ein Kreidler-Spezialmotorrad bei einer Rekordfahrt durch die Wüste des US-Bundesstaates Utah. Die Marke holte viermal den WM-Titel, gewann fünfmal die Herstellerwertung.

Junge Zielgruppe

In der Bundesrepublik wurde Kreidler allerdings bald ein Synonym für mangelnde Verkehrsdisziplin – zu sehr kosteten die jugendlichen Zweirad-Besitzer ihre Freiheit aus: Von drei Kleinkraftradfahrern war einer pro Jahr in einen Unfall verwickelt, besagte die Statistik. Die Ausrichtung der eigenen Marke auf eine jugendliche Zielgruppe kostete Kreidler enormen Umsatz. Hohe Versicherungsprämien, Helmpflicht und die Einführung eines Führerscheins für Mofafahrer machten das Kleinkraftrad zunehmend unattraktiv für eine Zielgruppe, die, sobald sie das 18. Lebensjahr erreichte, schnell auf ein „richtiges“ Motorrad umsattelte. Dazu gesellte sich die billigere Konkurrenz aus Japan. 1982 musste das Unternehmen Kreidler Konkurs anmelden. Am 2. April 1982 um 11.43 lief schließlich die letzte "echte" Kreidler vom Band.

Kreidler im TECHNOSEUM

Auf der Ebene F sind diverse Kreidler-Modelle ausgestellt, die nahezu alle Produktionsphasen des Unternehmens darstellen.

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