Im TECHNOSEUM entdeckt: Der Hebammenkoffer

Bis in das 18. Jahrhundert hinein war die Geburtshilfe reine Frauensache. Hebammen beziehungsweise Wehemütter standen den Frauen während der gesamten Geburt zur Seite; ein Arzt wurde nur bei Notfällen gerufen.

Medizinische Geburtshilfe
Mit dem Aufkommen eines öffentlichen Gesundheitswesens im 18. Jahrhundert wurde auch die Geburtshilfe zu einer Wissenschaft der Ärzte. Es entstanden die ersten Entbindungskliniken und -heime: 1751 in Göttingen und Berlin, 1761 in Kassel und 1766 in Mannheim. Zur gleichen Zeit kamen die ersten Hebammenschulen auf, etwa an der Berliner Charité, die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Sowohl in den Kliniken als auch den Schulen wurde die Geburtshilfe als medizinische Versorgung betrachtet und über Amtshebammen durchgeführt. Sie hatten die Aufgabe, schwangere Frauen zu kontrollieren, Abtreibungen zu verhindern sowie Mutter und Kind bei der Geburt beizustehen und sie nach der Geburt zu pflegen.

Zu Hause auf die Welt
Trotz der neuen Entbindungskliniken entbanden die meisten Frauen immer noch zu Hause mit einer Hebamme. In den Entbindungshäusern lagen vor allem arme Frauen, ledige Frauen und Prostituierte wie auch Frauen, bei denen man mit Komplikationen bei der Geburt rechnete. Weil es damals noch keine Hygienestandards gab, starben in den Entbindungshäusern allerdings weit mehr Mütter am Wochen- oder Kindbettfieber als bei Hausgeburten. Das änderte sich ab Ende des 19. Jahrhunderts, als Hygienevorschriften gefordert und in den Institutionen eingeführt wurden.

Erste Hygienemaßnahmen
So hatte der in Wien tätige Arzt und Geburtshelfer Ignaz Semmelweis (1818 - 1865) als erster erkannt, dass das Kindbettfieber in erster Linie von den verunreinigten Händen von Ärzten und Geburtshelfern ausging. Seine Vermutung stieß jedoch auf starken Widerspruch der Fachwelt und setzte sich erst nach seinem Tod durch. 1888 wurde schließlich in Preußen eine „Anweisung für die Hebammen zur Verhütung des Kindbettfiebers" erlassen, die strenge Hygienemaßnahmen vorschrieb.

Fachliche Betreuung
Der medizinische Fortschritt verlagerte die Geburt Mitte des 20. Jahrhunderts komplett in die Krankenhäuser. Bei der Schwangerschaftsvorsorge, der Geburt selbst wie auch im Wochenbett und der Stillzeit standen die Hebammen den Frauen weiter zur Seite. Bis heute sind Hebammen für Frauen vor und nach der Geburt im Krankenhaus und in den ersten Wochen zu Hause wichtige Ansprechpartnerinnen für alle Fragen rund ums Baby und die eigene Gesundheit.

Alles im Koffer
Der Hebammenkoffer, der in der Sonderausstellung „Herzblut“ zu sehen ist, wurde wohl um die Mitte des 20. Jahrhunderts von der Gottlob Kurz GmbH in Wiesbaden, dem Fachgeschäft für Hebammenbedarf, hergestellt, weshalb er auch als „Wiesbadener Hebammentasche“ bekannt war. Vor seiner Zeit im Museum war der Koffer im Besitz einer Hebamme aus Landau an der Weinstraße, die bis 1980 in der Region arbeitete. Der Koffer enthält im Deckel ein Etui mit den wichtigsten Instrumenten für die Geburtshilfe wie etwa einen Katheter, diverse Scheren, eine Klemme, eine Pulsuhr und ein Maßband. Der Kofferboden ist mit verschließbaren Ledermanschetten ausgestattet, die Spiritusflakons, Waschschalen aus Emaille, Seife, Puder, Bürste, Mullbinden sowie einem Einlaufgefäß, Handtuch, Kompressen und Verbandspflaster einen festen Platz gaben. Darüber hinaus gehörten auch Schmerztabletten, eine Fettsalbe, ein Fieberthermometer und ein Hebammen-Stethoskop zur festen Ausstattung des Koffers, mit dem die Hebamme für ihre Aufgabe gerüstet war.

Wo im TECHNOSEUM?

In der aktuellen Sonderausstellung „Herzblut. Geschichte und Zukunft der Medizintechnik“ noch bis zum 7. Juni 2015 zu sehen.

Hebammenkoffer
Der Hebammenkoffer enthält im Deckel ein Etui mit den wichtigsten Instrumenten für die Geburtshilfe.
printtip-a-friend