Im TECHNOSEUM entdeckt: Die Papierstreifen-Wächteruhr

Sicherheit und Ordnung für alle Bewohner bei Nacht: Dafür war seit dem Mittelalter der Nachtwächter verantwortlich. Er warnte vor Feuer und Feinden und sagte auch häufig die Stunden an. Wenn aber alle schliefen, wer oder was sorgte dafür, dass der Nachtwächter seine Arbeit auch richtig machte? Eine Wächteruhr diente hier der Kontrolle.

Kontrolle ist besser

Bei Wind und Wetter vor die Tür zu gehen, ist nicht jedermanns Sache. Und auch einige Nachtwächter verbrachten ihre Arbeitszeit lieber in ihrer Wachtstube als draußen in der Stadt ihre Runden zu drehen. Es war wohl ein Gewitterschaden, der 1850 im württembergischen Schwenningen eine Brandkatastrophe herbeiführte und den Ratsschreiber und Erfinder Johannes Bürk auf die Idee brachte, eine Kontrolluhr zu konstruieren, die auch die Nachtwächter überwachen sollte. Das Uhrengehäuse wurde dabei so verschlossen, dass es von keinem Unbefugten mehr zu öffnen war, und enthielt einen Mechanismus, der die Kontrollgänge auf Papierstreifen dokumentierte. Bürk stellte die Uhren in seiner 1855 gegründeten Uhrenfabrik her und bahnte der Stadt Schwenningen damit den Weg zur
Hochburg der deutschen Kontrolluhrenfertigung.

Papier zur Überwachung
Der Nachtwächter musste die Uhr bei seinen Rundgängen in der Stadt oder in Betrieben und Fabrikanlagen stets mit sich führen und an bestimmten Kontrollpunkten einen dort hinterlegten Schlüssel in die Uhr einführen. Der Papierstreifen, der sozusagen als Datenträger in der Uhr integriert ist, wurde dabei im Inneren der Uhr entsprechend markiert und zeigte an, in welcher Richtung und zu welcher Zeit der Wächter seinen Gang gemacht hatte. Der Aufseher konnte so anhand der Markierungen nachvollziehen, zu welchem Zeitpunkt der Nachwächter unterwegs war, wie viele Runden er in der Nacht gemacht hatte und was er eventuell versäumt hatte. Der Papierstreifen wurde anschließend als Beleg in ein Kontrollbuch geklebt. Bevor es in eine neue Nachtschicht ging, wurde ein neuer Papierstreifen eingelegt, die Uhr aufgezogen und verschlossen und an den Nachtwächter übergeben. Ein unbefugtes  Öffnen der Uhr wurde durch eine am Schloss angebrachte Feder, welche automatisch Einschnitte in den Papierstreifen machte, verhindert.

Uhrenexporte in die ganze Welt
Die tragbare Papierstreifen-Wächteruhr, die im TECHNOSEUM zu sehen ist, wurde zwischen 1880 und 1900 in der Uhren- und Apparatefabrik Schlenker-Grusen (Isgus) in Schwenningen hergestellt. Wer das Modell mit dem von Johannes Bürk vergleicht, wird feststellen, dass kaum Unterschiede bestehen. Der Firmengründer Jakob Schlenker, Beiname Grusen und 1855 geboren, arbeitete nach seinen Lehrjahren als Uhrmacher bei der Württembergischen Uhrenfabrik von Bürk als Werkmeister. Man geht davon aus, dass er sich hier heimlich Kopien zum Bau von Wächteruhren angefertigt hatte, um sie ab 1888 in seiner eigenen Fabrik nachzubauen. Rechtlich kein Problem, denn die Bürk-Patente waren zu diesem Zeitpunkt bereits abgelaufen. 1892 meldete Schlenker ein Patent für die Wächterkontrolluhr an, mit der die Zeit zwischen den einzelnen Kontrollstellen auf einer Papierscheibe erfasst wurde. Die Firma wuchs schnell und exportierte in die ganze Welt. Die Papierstreifen-Wächteruhren gehörten noch bis etwa 1920 zum Firmenprogramm. 1974 brachte die Firma inzwischen unter dem Namen Isgus das erste mikroprozessorgesteuerte Zeiterfassungs- und Informationssystem auf den Markt und bietet heute diverse Softwarelösungen und Terminals für Personal- und Zeitmanagement an.

Wo im TECHNOSEUM?

Auf der Ebene C.

Die tragbare Papierstreifen-Wächteruhr wurde zwischen 1880 und 1900 in der Uhren- und Apparatefabrik Schlenker-Grusen in Schwenningen hergestellt.
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