27.09.2017

Zwerg aus den Zwanzigern

TECHNOSEUM erhält einen Hanomag „Kommissbrot“ als Schenkung

Lange vor dem VW Käfer war er eines der ersten erschwinglichen „Volksautos“: der Hanomag Typ 2/10 PS, im Volksmund aufgrund seiner kantigen Form „Kommissbrot“ genannt. Wegen seiner einfachen Bauweise war er günstig zu haben, der Kraftstoffverbrauch war gering: Zwischen 1925 und 1928 liefen 15.775 Stück vom Band. Gut erhaltene Exemplare sind heute selten – das TECHNOSEUM erhält nun genau dieses Fahrzeugmodell von der Ludwigshafenerin Waltraud Kirsch-Mayer als Geschenk. Ab sofort ist das kompakte Gefährt in der Automobilbau-Ausstellung des Museums zu sehen.

Der Hanomag „Kommissbrot“ wog nur 370 Kilogramm und war lediglich 2,78 Meter lang – quasi der Smart der Zwanzigerjahre. Der 10 PS starke Einzylinder-Viertaktmotor brachte bis zu 60 Stundenkilometer auf die Straße. „Dieses Auto war das erste mit einer selbsttragenden Karosserie, die später von den meisten Herstellern übernommen wurde – es symbolisiert somit den Übergang hin zum modernen Karosseriebau“, so Markus Thomé, Restaurator am TECHNOSEUM und zuständig für die Kfz-Bestände. „Außerdem ist dieses Modell eines der ersten, das in Deutschland in Fließbandproduktion hergestellt wurde.“ Der Wagen wurde 1924 von den Konstrukteuren Fidelis Böhler und Carl Pollich entwickelt, die bei der Hannoversche Maschinenbau AG, abgekürzt Hanomag, tätig waren. Die Firma baute nicht nur Pkw und Lkw, sondern auch Bau- und Zugmaschinen, Ackerschlepper sowie Dampflokomotiven. Die Konstruktion des Hanomag Typ 2/10 PS nach dem Baukasten-Prinzip erlaubte die Fertigung unter anderem als Limousine, Liefer- und Pritschenwagen. Beim Exemplar für das TECHNOSEUM handelt es sich um die Standardversion: ein zweisitziges Cabriolet mit Klappverdeck aus einer sehr frühen Serie. Weniger als 20 Fahrzeuge dieses Typs gibt es heute noch. Der Wagen wurde in 17-jähriger Arbeit von dem Ludwigshafener Zahnarzt und Oralchirurgen Dr. Udo Kirsch mit Liebe zum Detail restauriert – und zwar inklusive der kuriosen Details, für die der Wagen berühmt ist, wie etwa der rechtsseitige Fahrersitz, die Tür auf der Beifahrerseite und der einzelne, mittig angebrachte Scheinwerfer. Das Anlassen funktionierte beim Hanomag Typ 2/10 PS zudem per Seilzug, ähnlich wie bei einem Rasenmäher. Der Hobby-Restaurator aus Leidenschaft erwarb notwendiges Fachwissen bei Oldtimer-Fachbetrieben. Die Ehefrau des 2010 verstorbenen Tüftlers, die Journalistin Waltraud Kirsch-Mayer, möchte das restaurierte Schmuckstück nun in gute Hände geben. „Im TECHNOSEUM wird das Auto in seinem guten Zustand erhalten und das Werk meines Mannes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“, begründet sie ihre Entscheidung. Museumsdirektor Prof. Dr. Hartwig Lüdtke freut sich über den Neuzugang: „Dieser Wagen ist eine echte Rarität und eine perfekte Ergänzung für unsere Automobilbau-Ausstellung, in der wir unter anderem die Entwicklung der Autofertigung vom Einzelstück hin zur Serienproduktion nachzeichnen.“ So wird der kleine Kastenwagen eine neue Heimstatt in direkter Nähe zu einem Opel 4 aus dem Jahr 1929 und einem Ford Modell T von 1926 finden. Auch sie stammen aus den Anfangszeiten der Fließbandfertigung und stehen damit für eine wichtige Phase im Autobau, in der sich das Fahrzeug von einem Luxusartikel allmählich zu einem erschwinglichen Massenprodukt wandelte.

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Restaurator Markus Thomé und Direktor Hartwig Lüdtke freuen sich über die Schenkung des Hanomags von Waltraud Kirsch-Mayer.