Auf dem Feuerstuhl nach Untertürkheim

Dieser „Feuerstuhl“ machte seinem Namen wahrlich alle Ehre: Der Sitz des von Daimler entwickelten Reitwagens wird beim Vorheizen gefährlich heiß, und es ist üblich, dass bei der Fahrt immer wieder Flammen zwischen den Beinen des Fahrers hochzüngeln. 1885 unternahm Adolf, der Sohn von Gottfried Daimler, die sechs Kilometer lange Jungfernfahrt auf dem hölzernen Gefährt von Cannstatt nach Untertürkheim. Der Reitwagen ist das weltweit erste Motorrad mit Benzinmotor, ging jedoch nie in Serie. Für seinen Erfinder war er vor allem ein Versuchsmodell auf dem Weg hin zu einer vierrädrigen Motorkutsche, die Daimler nur wenige Monate später präsentierte.

Zwei Tüftler tun sich zusammen

Gottfried Daimler, gelernter Büchsenmacher und studierter Maschinenbau-Ingenieur, nimmt nach Stationen in England und Reutlingen bei der „Gasmotorenfabrik Köln Deutz Aktiengesellschaft“ seine Tätigkeit auf. Gründer dieses Unternehmens ist Nikolaus Otto, der Erfinder des Otto-Motors. Ebenfalls mit von der Partie: Wilhelm Maybach, der mit Daimler in der Entwicklungsabteilung der Firma arbeitet. Daimler verhilft dem Otto-Motor zur Serienreife, doch bald überwirft er sich mit dem Firmeninhaber. Er verlässt schließlich die Firma und erwirbt eine Villa in Cannstatt; und da die Aktien der Gasmotorenfabrik unter Daimlers Ägide stark gestiegen sind, besitzt der Tüftler nun genügend finanzielle Mittel, um ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Maybach schließt sich ihm an und tüftelt mit Daimler gemeinsam in der eigenen Versuchswerkstatt an kleinen, schnell laufenden Benzinmotoren. Am 29. August 1885 wird der von ihnen entwickelte Reitwagen zum Patent angemeldet.

Kompakt und kräftig

Das Herzstück des Reitwagens ist sein Motor: ein Viertakt-Einzylinder, der klein und gleichzeitig leistungsstark ist. Dieser so genannte Standuhr-Motor wiegt nur etwa 60 Kilogramm und ist damit bestens geeignet für den Einsatz in mobilen Fahrzeugen – verglichen mit den damals verwendeten  schwergewichtigen Verbrennungsmotoren für den stationären Betrieb eine Sensation. Etwa 10 Stundenkilometer brachte der Reitwagen mit diesem Aggregat auf die Straße. Das Fahrzeug, bei dem es sich im Grunde um ein schweres und motorisiertes Laufrad handelte, war damit ein wichtiger Wegbereiter in der Geschichte der individuellen Mobilität, die mit dem Patent-Motorwagen von Carl Benz nur ein Jahr später den endgültigen Durchbruch feiern sollte.

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