Komplex: jede noch so kleine Entscheidung

Soana Schüler ist Systemische Therapeutin und Coach mit eigener Praxis in Heidelberg. „Es ist wichtig, sich seiner Gefühle und Ambivalenzen und seiner Stärken und Schwächen bewusst zu sein“, sagt Schüler. Denn: „Nur wer sie kennt, zu ihnen steht und kreativ mit ihnen umgeht, kann bewusst und wirksam entscheiden.“ Jeder der inneren Monologe zeigt: So eine Entscheidungsfindung ist komplex.

 

Im Supermarkt

… das bring ich jetzt schnell hinter mich! Nein, ich kaufe echt nicht gerne ein. Diese Dosen sind okay, das hier esse ich gerne, fertig. Oder besser frisches Gemüse? Aber welches?  Schon wieder entscheiden. Das stresst mich. Und dann muss ich das Ganze auch noch kochen, oje! Das braucht wieder Zeit …

Im Kern geht es hier um die Frage, mit welchen Inhalten ich meine Zeit fülle. Das spielt hinein in den Widerstreit zwischen dem Wunsch, sich gesund zu ernähren und dem Wunsch, wenig Aufwand fürs Essen zu betreiben. Eine grundsätzliche Entscheidung ist (noch) nicht gefunden.

 

Vor dem Kleiderschrank

… so viele Blusen und Hosen! Was soll ich nur anziehen? Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Vielleicht nehme ich die Frage auch viel zu wichtig? Sollte ich nicht eher mal ausmisten? Die Sachen sind ja alle noch gut, viele ziehe ich nie an. Oje, wann soll ich das denn entscheiden, was ich noch haben will und was ich weggeben kann?

Hinter der Frage nach der konkreten Tages-Kleidung geht es um die Entscheidung für Prioritäten und Werte – und um die Entscheidung, welche Aufgabe demnächst anzupacken ist.

 

Am Smartphone

Das ist ja eine lustige WhatsApp-Gruppe. Aber jetzt ist schon wieder eine halbe Stunde um, eigentlich muss ich doch arbeiten. Anstrengend ist es auch, alles zu lesen. Manchmal weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ständig gucke ich auf mein Phone. Vielleicht sollte ich mich entschließen, nur einmal am Tag reinzuschauen? Oder nur alle paar Tage? Aber dann gehöre ich ja gar nicht mehr dazu …

Der gleichwertige Widerstreit der Gefühle – die Lust auf Unterhaltung sowie das Bedürfnis nach Kontakt auf der einen Seite  und das Bedürfnis nach mehr Ruhe und selbstbestimmter Zeitgestaltung auf der anderen Seite – blockiert hier (noch) eine klare Entscheidung.

 

Beim Chef

Hier kommt der Chef schon wieder ... Mir wird’s eng in der Brust. Die Aufgabe gehört aber nicht zu meinem Arbeitsbereich. Warum sage ich nie Nein? Ich hab so viel zu tun! Soll ich wieder auf die Pause verzichten? Ich bin echt überlastet! Irgendwann geht meine Ehe noch dran kaputt. Ich sollte ihm endlich sagen, dass ich nicht bereit bin, 150 Prozent zu arbeiten. Oh Gott, mir wird flau. Ich kann das einfach nicht.

Die eigenen Bedürfnisse wollen zu ihrem Recht kommen – doch die Angst vor dem Konflikt steht dieser Einsicht massiv gegenüber. Manchmal entscheidet nicht unsere Einsicht, sondern die Höhe unseres Leidensdrucks, wie wir uns verhalten.

 

Zwischen zwei Wohnungen
Meine Wohnung nervt. Ich fühle mich nicht wohl. Aber ich kann mich nicht entscheiden, etwas anderes zu suchen. Erst einmal muss ich mir klar sein, wie ich wohnen will. Doch was dabei alles schief gehen könnte! Vielleicht sind die neuen Nachbarn schwierig. Oder ich brauche weniger Möbel und muss etwas zurücklassen. Und der ganze Aufwand eines Umzugs …

Die Angst vor dem Risiko ist (derzeit noch) größer als die Notwendigkeit, die aktuelle Situation zu verändern. Die Patt-Situation zwischen beiden Polen bringt eine ständige innere Unruhe, die erst weichen wird, wenn die Entscheidung gereift und getroffen ist – so oder so.

 

Im Blick aufs Leben

Jetzt werde ich 50! Ein gutes Stück meines Lebens ist Vergangenheit, unveränderbar. Mal war es schön und mal schwer. Manches hätte ich mir anders vorgestellt. Hätte mir eine Ehe gewünscht, die ein Leben lang hält. Wäre es anders geworden, wenn wir nicht gleich geheiratet hätten? Hätten wir andere Partner gefunden? Und mein Beruf: Manchmal hängt mir der Alltag zum Hals raus, immer das Gleiche! Wäre ich heute zufriedener, wenn ich mich für das Studium entschieden hätte, das mich so interessiert hat? Aber dann hätte ich vielleicht gar keinen Job. Es ist kein Vorzeige-Leben, was ich vorzuweisen habe, und als Jugendlicher hatte ich großartige Vorstellungen von meinem Leben. Vor denen muss ich jetzt ganz klein beigeben. Aber es ist mein konkretes Leben, ich habe kein anderes. Ich mache das Beste draus.
Auch zu Entscheidungen, die sich nicht mehr ändern lassen, ist eine Entscheidung zu treffen: Sich selbst Vorwürfe machen, mit dem Schicksal hadern oder sich der heutigen Realität des eigenen Lebens stellen und sie annehmen? Im Beispiel hat sich die Person für Letzteres entschieden und ihr Blick wird frei für Gegenwart und Zukunft.

Soana Schüler (56), Heidelberg
printSeite Empfehlen