Der Zufall als Wegweiser, der Bauch mit im Boot

Im Dschungel der Möglichkeiten: Claudia Bruns, Master Beratungswissenschaft, berät seit zehn Jahren in der Mannheimer Agentur für Arbeit Studierende und Studienabbrecher bei ihren Entscheidungen.

Mit welchen Entscheidungs-Fragen kommen die Menschen zu Ihnen?

Die eine Frage ist: Welches Studium, welche Ausbildung passt zu mir? Die andere: Soll ich mein Studium abbrechen oder es fortsetzen? – Das sind so die Klassiker.

Fällt heute das Entscheiden leichter als früher?

Nein, es fällt heute viel schwerer. Es gibt aktuell über 500 verschiedene Ausbildungsgänge und über 4000 Studiengänge. In diesem Dschungel der Möglichkeiten das Richtige für sich herauszufinden, ist sehr schwierig. Das heuristische Entscheiden kommt hier in der Realität zum Tragen.

Was bedeutet das?

Heuristik ist die Kunst, mit einem begrenzten Wissen in einer begrenzten Zeit möglichst schnell zu einer praktikablen Lösung zu kommen. Die meisten der Ratsuchenden gehen auf diese Weise vor: Sie nehmen sich – plakativ gesprochen – die fünf oder zehn Studiengänge, die sie kennen, und suchen sich den raus, der ihnen am ehesten zusagt. Was wollen Sie mit 4000 Studiengängen vor Augen? Das überfordert jeden! Auch Zufälle spielen dabei eine wichtige Rolle.

Zufälle?

Ja, ich halte Zufälle sogar für notwendig im Entscheidungsverhalten. Ein Beispiel: Jemand weiß nicht, was er studieren möchte, dann sagt eine Freundin: Ich werde etwas mit Betriebswirtschaftslehre studieren, und plötzlich kommt er drauf: Ach, das hört sich toll an, könnte das vielleicht auch was für mich sein? Oder: Ich fahre Straßenbahn und sehe plötzlich ein tolles Plakat von einer tollen Hochschule und denke mir: Das könnte für mich passen! Und plötzlich merke ich: Ja genau, das ist es! Einzig dieser Zufall, dass ich in diesem Moment das Plakat gesehen habe, bringt mich auf eine Entscheidungsbahn.

Und wie findet man dann das Passendste heraus?

Man sollte sich fragen: Was könnte mein späteres berufliches Leben bereichern? Das könnte die verfügbare Zeit betreffen: Kann ich mit diesem Beruf meine Freizeit, so wie ich sie mir vorstelle, kombinieren? Oder: Kann ich damit das Geld verdienen, das ich anstrebe? Und – ganz wichtig! – macht mir das auch Spaß?

Welche Rolle spielt dabei der Kopf, das rationale Entscheiden?

Ich rate: Betrachte erst einmal alle Pros und Contras von jeder Möglichkeit, stell‘ dir vielleicht ’ne Liste auf, schlaf‘ einige Nächte drüber. Da bin ich im rationalen Entscheidungsverhalten. Die endgültige Entscheidung sollte ich danach allerdings mit dem Bauch treffen. Wenn ich Kopf und Bauch mit ins Boot nehme, führt das meist zu einer richtigen Entscheidung.

Wie merke ich, dass mein Bauch mit im Boot ist?

Nehmen Sie mal an, Sie überlegen sich, eine technische Ausbildung zu machen. Legen Sie Ihre Hände auf Ihren Bauch, schließen Sie die Augen, gehen Sie in sich und stellen Sie sich die Situation der Ausbildung genau vor! Macht ihr Bauch keine Regung und ist ganz ruhig, entsteht ziemlich sicher eine gute Bauchentscheidung. Wird ihr Bauch aber unruhig, stimmt etwas nicht mit dieser Entscheidung.

Claudia Bruns (46), Mannheim
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