Entscheidungstypen

Informieren, abwägen, Konsequenzen betrachten

Ursula Vogt betreut seit fünf Jahren ehrenamtlich Besucher des TECHNOSEUM und hat so ihre Erfahrungen mit dem Ja und dem Nein

„Entscheiden fällt mir leicht, ist ja nix auf Leben und Tod – normalerweise“, sagt Ursula Vogt. Und Entscheidungen gab es schon viele im Leben der 73-jährigen Mannheimerin, schwere wie einfache. Für das Ehrenamt dem TECHNOSEUM den Zuschlag zu geben, fiel leicht: „Mir wurde gezeigt, wie das auf dem Museumsschiff funktioniert und es hat mir gleich gefallen.“ Sie ist eine Frau von Welt - aufgeschlossen, reflektiert. Und sagt auch: „Ich bin kein Dippelschisser, ich muss nicht alles hundertprozentig bedenken.“ Manchmal seien Entscheidungen einfach klar.

Zum Beispiel, als ihr Vater sie im Alter von 27 fragte: „Kommst du wieder? Ich kann nicht mehr.“ Die ausgebildete Speditionskauffrau sagte gleich „Ja“ und übernahm das familiäre Transportunternehmen.  „Es war logisch und passte zu meinem Leben. Und ich habe es nie bereut. Obwohl es als Frau in einem Männerberuf schwer war.“ Dazu gehörte, einen Fuhrpark zu leiten, sieben Fahrer zu beschäftigen – auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – und sich im einsamen Hafengebiet oft alleine auf dem Firmengelände aufzuhalten. Aber auch dazu hatte sie eine vorbeugende Entscheidung getroffen und sich daran gehalten: „Wenn die äußere Türe ging, bimmelte eine Glocke. Ich bin dann immer von meinem Zimmer hinten nach vorne gelaufen in Richtung Hof, und tat so, als käme gerade ein Fahrer im Hof an. Den ersten, überraschenden Begegnungsmoment hatte ich dann als Plus auf meiner Seite.“ Tatsächlich ist nie etwas passiert.

„Im Betrieb und bei schwerwiegenden Entscheidungen ist natürlich auch der Kopf wichtig: Informationen einholen, abwägen, Konsequenzen betrachten.“ Die Entscheidung, mit 60 beruflich auszusteigen, um das Leben leichter zu machen, traf sie gemeinsam mit ihrem Mann. Es gab gute Gründe – etwa der steigende wirtschaftliche Druck und die hohe Arbeitsbelastung –, aber auch Hemmungen: „Etwas loszulassen, was einen Großteil des Lebens ausgemacht hat, ist nicht leicht. Ich hatte Angst vor der Leere.“ Obwohl sich durch den Tod ihres Mannes die Vorzeichen änderten und diese Angst verstärkten, verwirklichte sie den Entschluss.

Die schwerste Entscheidung ihres Lebens? „Die Chemotherapie für meinen Mann zu beenden.“ Die Aussage einer Ärztin half ihr dabei: „Ich hatte sie gefragt, ob sie in einem vergleichbaren Fall ihrem Vater die Chemotherapie empfehlen würde. Ihr Nein war dann auch mein Nein. Das war schwer, weil man sich ja immer wünscht, dass der andere nicht stirbt.“ Ihr Mann konnte dann, palliativ betreut, seine letzte Zeit zuhause verbringen. Heute ist Ursula Vogt viel unterwegs, ihre Aktivitäten im TECHNOSEUM sind nicht ihre einzigen. Im Museum schätzt sie den Umgang mit Menschen, die Anerkennung, die sie hier erfährt, – und eine Arbeitsweise, die ihr erlaubt, auch manches selbst zu entscheiden.

Ursula Vogt (73), Mannheim
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