Die Arbeiterbewegung vor 1863

Willkommen in einer Zeit, in der das Handwerk die tragende Rolle spielt und die Industrialisierung sich ankündigt. Die Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch die politische Restauration und die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress. Dennoch wurden in dieser Zeit Forderungen nach Presse- und Gewerbefreiheit und nach Gleichheit vor dem Gesetz stärker – das Bürgertum machte sich für umgreifende Veränderungen stark. Das einfache Volk kämpfte währenddessen ums Überleben: Die Hungerjahre 1816/17 und 1846/47 ließen die Erbitterung und Empörung über die Lebensumstände weiter wachsen. Zahlreiche Protestbewegungen entstanden, an denen sich vom Tagelöhner bis zum Handarbeiter alle beteiligten, denen es bislang versagt blieb, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Handwerker als Vorreiter
Der Protest wurde zwischen 1815 und 1848 vorwiegend von Handwerkern, Handwerksgesellen und Heimarbeitern getragen, die in der Industrialisierung eine Bedrohung ihrer Existenz sahen. Die bekanntesten Protestbewegungen gipfelten in Maschinenstürmen, im Zug auf das Hambacher Schloss 1832 sowie im Aufstand der Weber in Schlesien 1844 und schließlich auch in der bürgerlichen Revolution von 1848. Der Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit wird in der Ausstellung anhand des Druckgewerbes verdeutlicht: Eine Columbia-Handpresse von 1830 steht einer Schnellpresse gegenüber. Die neuartigen Maschinen sahen viele Handarbeiter als „Brotdiebmaschinen“ und versuchten, diese mutwillig zu zerstören.

Streben nach Bildung
Weil die strenge Vereinsgesetzgebung dafür sorgte, dass Zusammenschlüsse von Handwerkern und Arbeitern nur in sogenannten Bildungs- oder Lesevereinen möglich waren, boten diese den Arbeitern die einzige Möglichkeit, sich zu organisieren. In den Arbeiterbildungsvereinen waren alle willkommen, die ihre Allgemeinbildung vergrößern wollten und ein großes Interesse an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sowie geschichtlichen Prozessen hatten. Die Ausstellung zeigt hierzu exemplarisch eine Arbeiterbibliothek des Mannheimer Schneider-Gesellenvereins von 1847 und des Arbeiterbildungsvereins Stuttgart von 1853. Die Arbeiterbildungsvereine zogen zahlreiche Arbeiter an und sprossen bald wie Pilze aus dem Boden: Um 1863 gab es in allen größeren Staaten des Deutschen Bundes bereits mehrere hundert dieser Vereine.

Schneiderstube
Die Radierung (1876) von William Unger [1837 - 1932] nach einem Gemälde von Eugen von Blaas, 1876, zeigt eine Schneiderstube.

In der Ausstellung in dieser Epoche u.a. zu sehen:

  • Arbeitszeugnisse von Gesellen aus dem 19. Jahrhundert
  • Handwerks- und Wanderbücher
  • Columbia-Handpresse von 1830 und Schnellpresse von 1858
  • Arbeiterbibliotheken aus Mannheim und Stuttgart von 1847 und 1853
  • Erstauflage von Friedrich Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von 1845
  • Der Entwurf zum Manifest der kommunistischen Partei von Karl Marx von 1847

Weiter zur nächsten Epoche >>

printtip-a-friend